Hohe Lebenshaltungskosten, gestiegene Zinsen und eine schwache Konjunktur bestimmen seit Jahren viele Schlagzeilen. Man könnte deshalb vermuten, dass immer mehr private Haushalte finanziell unter Druck geraten. Ein Blick auf die Zahlen für die Grafschaft Bentheim zeigt jedoch ein überraschend anderes Bild.
Wer derzeit über die wirtschaftliche Situation in Deutschland spricht, kommt schnell auf Inflation, hohe Energiekosten, gestiegene Bauzinsen und die schwierige Lage vieler Unternehmen. Auch für private Haushalte ist vieles teurer geworden.
Doch wie sieht es tatsächlich mit der finanziellen Situation der Menschen aus?
Eine interessante Antwort liefert der aktuelle SchuldnerAtlas von Creditreform. Danach lag die Überschuldungsquote in der Grafschaft Bentheim im Jahr 2025 bei lediglich 6,65 Prozent. Deutschlandweit waren es 8,16 Prozent. Auch Niedersachsen insgesamt liegt mit 8,09 Prozent deutlich über dem Wert der Grafschaft Bentheim.
Dabei ist wichtig zu unterscheiden: Schulden zu haben bedeutet nicht, überschuldet zu sein. Auch eine Immobilienfinanzierung oder ein Autokredit sind Schulden. Von Überschuldung spricht man erst, wenn die vorhandenen finanziellen Mittel dauerhaft nicht mehr ausreichen, um die fälligen Verpflichtungen zu erfüllen.

Die Entwicklung der letzten Jahre überrascht
Noch interessanter als der aktuelle Wert ist die Entwicklung.
Im Jahr 2020 lag die Überschuldungsquote in der Grafschaft Bentheim bei 8,57 Prozent. Danach sank sie kontinuierlich:
| Jahr | Überschuldungsquote Grafschaft Bentheim |
|---|---|
| 2020 | 8,57 % |
| 2021 | 7,62 % |
| 2022 | 7,31 % |
| 2023 | 6,98 % |
| 2024 | 6,64 % |
| 2025 | 6,65 % |
Damit ist die Quote innerhalb von fünf Jahren um fast zwei Prozentpunkte gefallen. 2025 ist dieser Rückgang zwar zum Stillstand gekommen, von einer deutlichen Verschlechterung kann in der Grafschaft Bentheim bislang aber nicht gesprochen werden.
Das ist umso bemerkenswerter, weil sich das Bild bundesweit gerade verändert. Creditreform registrierte 2025 erstmals seit 2018 wieder einen merklichen Anstieg der Zahl überschuldeter Verbraucher. Rund 5,67 Millionen Erwachsene galten bundesweit als überschuldet, 111.000 mehr als im Vorjahr.
Bei Verbraucherinsolvenzen sogar Niedersachsens niedrigster Wert
Ein zweiter Indikator bestätigt das vergleichsweise stabile Bild.
Nach dem Handlungsorientierten Sozialbericht Niedersachsen 2025 kamen in Niedersachsen 2024 durchschnittlich 13,2 Verbraucherinsolvenzen auf 10.000 Einwohner.
In der Grafschaft Bentheim waren es lediglich 6,2.
Damit hatte die Grafschaft Bentheim die niedrigste Quote aller niedersächsischen Landkreise und kreisfreien Städte. Am anderen Ende der Statistik lag Wilhelmshaven mit 29,1 Verbraucherinsolvenzen je 10.000 Einwohner.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Auch die SCHUFA-Zahlen relativieren das Bild
Bundesweit zeigt sich ebenfalls, dass finanzielle Schwierigkeiten zwar für die Betroffenen gravierend sind, aber keineswegs die Mehrheit der Bevölkerung betreffen.
Nach Angaben der SCHUFA war Ende 2024 bei rund 8,6 Prozent der Erwachsenen mindestens ein sogenanntes Negativmerkmal gespeichert. Umgekehrt bedeutet dies, dass bei mehr als neun von zehn Erwachsenen kein solches Negativmerkmal vorlag. Die regionalen Unterschiede sind allerdings erheblich.
Interessant ist auch die jüngste Entwicklung: Die SCHUFA berichtet, dass die Zahl der Personen mit neuen Zahlungsstörungen im August 2026 unter dem Niveau des entsprechenden Vorjahreszeitraums lag.
Das passt nicht immer zu dem Eindruck, den man angesichts der täglichen Wirtschaftsnachrichten gewinnen könnte.
Bedeutet das, dass wirtschaftlich alles in Ordnung ist?
Nein. Überschuldungsquoten und Verbraucherinsolvenzen sind keine Konjunkturindikatoren.
Ein Haushalt kann finanziell stark belastet sein und trotzdem sämtliche Rechnungen, Darlehensraten und sonstigen Verpflichtungen pünktlich bezahlen. Umgekehrt sagt eine niedrige Überschuldungsquote nichts darüber aus, ob Menschen aufgrund gestiegener Preise weniger konsumieren, Anschaffungen verschieben oder beim Immobilienkauf vorsichtiger geworden sind.
Auch der Arbeitsmarkt sollte deshalb berücksichtigt werden. In der Grafschaft Bentheim lag die Arbeitslosenquote im Januar 2026 bei 3,7 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 3,8 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der erwerbsfähigen Bürgergeldberechtigten gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent.
Die Zahlen erzählen deshalb weniger die Geschichte einer boomenden Wirtschaft als die einer Region, deren private Haushalte bislang vergleichsweise widerstandsfähig erscheinen.
Was bedeutet das für den Immobilienmarkt?
Für den Immobilienmarkt in der Grafschaft Bentheim ist dieser Befund interessant.
Die vergangenen Jahre waren für Immobilienkäufer nicht einfach. Die Finanzierungskosten sind gegenüber der Niedrigzinsphase erheblich gestiegen, Neubaukosten bleiben hoch und Banken prüfen Finanzierungen sorgfältiger. Viele Kaufinteressenten rechnen deshalb genauer als früher.
Das darf jedoch nicht mit fehlender finanzieller Leistungsfähigkeit gleichgesetzt werden.
Gerade in unserer täglichen Arbeit erleben wir, dass Kaufentscheidungen heute bewusster getroffen werden. Interessenten vergleichen stärker, prüfen Finanzierungen frühzeitig und beschäftigen sich intensiver mit energetischem Zustand, Modernisierungskosten und langfristigen Belastungen einer Immobilie.
Das kann Verkaufsprozesse verändern. Es bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Nachfrage nach Wohneigentum verschwunden ist.
Die Grafschaft Bentheim steht vergleichsweise solide da
Die Zahlen sollten weder schöngeredet noch dramatisiert werden. Hinter jedem Überschuldungs- oder Insolvenzfall steht eine persönliche Geschichte, und die bundesweite Entwicklung mahnt durchaus zur Aufmerksamkeit.
Trotzdem lohnt es sich, gelegentlich die gefühlte wirtschaftliche Lage mit den tatsächlichen regionalen Daten zu vergleichen.
6,65 Prozent Überschuldungsquote, die niedrigste Verbraucherinsolvenzquote Niedersachsens und eine Arbeitslosenquote von zuletzt 3,7 Prozent zeigen: Die privaten Haushalte in der Grafschaft Bentheim stehen insgesamt offenbar solider da, als es manche Schlagzeile vermuten lässt.
Für einen regionalen Immobilienmarkt ist das keine Garantie für steigende Preise oder steigende Umsätze. Aber es ist ein Fundament, das man bei der Beurteilung unseres Marktes nicht übersehen sollte.
Quellen: Creditreform SchuldnerAtlas Deutschland 2025; Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Handlungsorientierte Sozialberichterstattung Niedersachsen 2025; SCHUFA Risiko- und Kredit-Kompass; Bundesagentur für Arbeit, Agentur für Arbeit Nordhorn.
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Bentheimer Straße 9
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